Kreativität in der Psychotherapie

 

Heinz-Dieter Basler und Gerhard Bolm, Marburg

 

Somatoforme Schmerzstörungen sind nach psychodynamischer Auffassung als Affektäquivalent zu interpretieren. Ein Affekt wird nicht wahrgenommen und als körperliche Störung (fehl-) interpretiert. Ursache hierfür ist eine Symbolisierungsstörung. Unter Symbolisierung versteht man die Fähigkeit einer Person, eine emotionale Erfahrung psychisch zu verarbeiten, d.h. frei abrufbare innere Bilder zu generieren, durch die psychisches Material wie Erinnerungen, Wahrnehmungen und vor allem heftige Affekte "repräsentiert" werden und damit eine psychische Bedeutung erhalten. Ziel therapeutischer Intervention ist es, eine (bisher nicht erfolgte) Symbolisierung der Affekte zu ermöglichen. Das kann nicht nur in Form sprachlicher, sondern auch in Form akustischer, motorisch-kynästhetischer und visueller Symbolisierung geschehen, z.B. mit Hilfe von Musik, Tanz und bildnerischer Gestaltung. Diese kreativen Therapieformen setzen auf einer entwicklungspsychologisch frühen Stufe des Symbolisierungsprozesses an und ermöglichen oftmals einen leichteren Zugang zu den Affekten als das über Sprache der Fall wäre. Die Patienten werden angehalten, eine Einheit von Affekt und symbolischer Repräsentation in der Gestaltung wahrzunehmen, wobei im Regelfall ein Dialog mit dem Therapeuten über das gestaltete Werk stattfindet, so dass die Repräsentation nicht nur auf der Ebene der kreativen Gestaltung, sondern auch der sprachlichen Reflexion hierüber ermöglicht und die Fehlinterpretation des Affektes schließlich aufgelöst wird.