Psychotherapeutische Schmerzbehandlung
Dr. med. Katja Obenaus
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Buch  zum Thema Obenaus K. (2006): Schmerztherapie mit neuen Selbstbildern, Reinhardt, München,  
ISBN 13: 978-3-497-01872-7
englischsprachig: Obenaus K. (2007)  Pain Therapy through New Images of Self  Trafford, Victoria/ BC/ Canada. ISBN 142512191-8.Zu bestellen über: www.trafford.com
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Dr. Katja Obenaus

Fachärztin für psychosomatischeMedizin - Psychotherapie - Psychoanalyse
Am Haselnußstrauch 5, D80935 München, Tel: 0049-89-3519174

Menschen, die an chronischen Kopfschmerzen oder an chronisch-rezidivierenden Rückenschmerzen suchen nicht nur beim Hausarzt Rat und Hilfe, sondern  tauchen in großer Zahl auch in den fachärztlichen Praxen auf. Nach der Definition versteht man heute unter chronischem Schmerz eine Schmerzsymptomatik, die mindestens sechs Monate bestanden hat.  Ein erheblicher Anteil dieser chronifizierten Schmerzsyndrome sind psychisch bedingt oder psychisch überlagert. So finden sich erfahrungsgemäß bei den von chronischen Kopfschmerzen Betroffenen in hoher Zahl Menschen (überwiegend Frauen), die mit ihrem Ärger nicht angemessen umgehen können. Sie sind häufig hoch leistungsmotiviert und zeigen eine Überanpassung, d.h. sie versuchen selbst dann noch, den Anforderungen ihrer sozialen Umgebung gerecht zu werden, wenn ein anderer schon längst protestiert oder das Projekt beendet  hätte. Mit ihrer Aggression können sie sehr schlecht umgehen.  Unter Menschen mit chronischen psychogenen Rückenschmerzen finden sich in nicht geringer Zahl solche, die sich ihren Verantwortungslasten nicht gewachsen sehen. Es fehlt ihnen aber die Kompetenz, die Dinge besser zu regeln, so machen sie weiter wie bisher und bürden sich immer mehr Pflichten auf; häufig sind sie auch im Konflikt mit sich selbst, wenn sie die Gratifikation, die eine bestimmte soziale Rolle mit sich bringt, nicht missen wollen, den Lasten eben dieser Rolle aber nicht gewachsen sind.

Die Beziehung zwischen Depression und Schmerz ist in einer Vielzahl von Untersuchungen bestätigt worden (Fischbain, 1997). Grundsätzlich kann Schmerz ein Depressionssymptom sein (Folgehypothese), er kann dem chronischen Schmerz im Sinne eines algogenen Psychosyndroms reaktiv folgen (Vorläuferhypothese), es kann eine Komorbidität von Schmerzerkrankung auf der einen mit einer depressiven Störung auf der anderen Seite vorliegen und der Schmerz kann eine weitere depressive Episode bei vorbestehender rezidivierender depressiver Störung auslösen (Narbenhypothese).

Psychische Konflikte können sich nicht nur bei Patienten mit Depressionen oder Angsterkrankungen sondern auch mit Persönlichkeits- bzw. strukturellen Störungen und bei Psychosen in Form von primär somatisch erscheinenden Schmerzen ausdrücken (Küchenhoff, 1997).  Erste empirische Hinweise anhand einer Patientengruppe mit Somatisierungsstörungen unterstreichen die klinische Erfahrung, dass auch in der Gesamtgruppe der chronifizierten Schmerzpatienten eine psychische Komorbidität eine schlechtere Prognose impliziert und nach klinischen Erfahrungswerten hohe Gesundheitskosten verursacht (Rief, 1995).

Bei den chronischen Rückenschmerzen wurde eine Prävalenz zwischen 25 und 40% festgestellt, bei belasteten Berufsgruppen sogar bis zu 57%. Die - bisher auffallend selten  untersuchte - psychische Komorbidität liegt bei chronischen Schmerzpatienten bei 30 - 50%. Betrachtet man die jährlichen Gesamtkosten, die von chronischen Rückenschmerzen verursacht werden (17 Mrd. Euro), so beträgt der Anteil der Kosten für psychogen bedingte oder psychisch überlagerte Rückenschmerzen zwischen 5 bis 8,5 Mrd. Euro jährlich. Die Kosten für Arbeitsausfälle und Rentenzahlungen wegen chronischer Rückenschmerzen nehmen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zu.

Bei der Behandlung von Patienten mit chronischem Kopf- oder Rückenschmerz ist es aufgrund von speziellen Hemmfaktoren zwischen Arzt und Patient häufig schwierig, eine gezielte psychosomatische Anamnese zu erheben, deren eventuell positives Ergebnis (d.h. dass eine psychische Genese angenommen werden muss) zu einer vom Patienten akzeptierten und erfahrungsgemäß wirksamen psychologischen Psychotherapie führen könnte. Das Wesen der funktionellen Störung und auch der somatoformen Schmerzstörung besteht gerade darin, dass das Symptom eine bestimmte Funktion im psychischen Gesamtgeschehen hat, die nicht aufgegeben werden darf. Im Symptom symbolisiert sich andererseits häufig auch ein psychisches Leid, das quasi auf seiner Symbolisierung "beharrt". Primär begegnen uns deshalb in Patienten mit chronischen Schmerzen solche Menschen, denen es nicht bewusst ist, dass sie an ungelösten Konflikten leiden, sondern die vordergründig ausschließlich unter ihren Schmerzen leiden. Auch ist häufig  bei diesen Patienten der Wunsch, über ihre Konflikte zu sprechen, nur sehr gering ausgeprägt.

So kommt es innerhalb der Patientengruppe mit chronischen Schmerzen und somatoformen Beschwerden zu einer intensiven Inanspruchnahme der somatomedizinischen Diagnostik- und Therapieangebote (Lamprecht, 1996). Allein für die Patientengruppe mit Somatisierungsstörungen bzw. somatoformen Störungen sind die Behandlungskosten gegenüber der Normalbevölkerung sogar unter den restriktiven Bedingungen des britischen Gesundheitssystems nachweisbar bis zum sechsfachen (für Krankenhausbehandlungen) bzw. 14fachen (für ambulante Therapiemaßnahmen) erhöht (Smith, 1994). Die Ursache liegt in der Ratlosigkeit der Behandler, wenn Untersuchungen ein negatives Ergebnis erbracht haben. Eine psychosomatische Anamnese wird von vielen Hausärzten als zu zeitintensiv abgelehnt und von vielen Patienten als unzulässiger Eingriff in ihre Privatsphäre erlebt. Deshalb wird eine psychotherapeutische (Mit-)Behandlung im Bereich des ambulanten Versorgungssystems viel zu spät oder gar nicht realisiert. Von einem erheblichen Teil der chronifizierten Schmerzpatienten werden die herkömmlichen verbalen Psychotherapieverfahren auch abgelehnt. Auch auf der Therapeutenseite besteht nur eine begrenzte Bereitschaft, mit diesen oft schwierigen, mit den gängigen Behandlungsmethoden oft begrenzt bis schwer zu erreichenden Patienten zu arbeiten..

Für die Behandlung bedeutet die Tatsache, dass psychische Störungen mit dem Leitsymptom Schmerz eine diagnostische Restkategorie darstellen, die erst nach Durchführung von multiplen Wiederholungsuntersuchungen mit einer Wahrscheinlichkeitsdiagnose versehen werden können, eine Verlängerung ihres Leidens. Normvarianten und Zufallsbefunde werden nicht selten diagnostisch überbewertet. Im Rahmen wiederholt durchgeführter somatischer Ausschlussdiagnostik können Patienten iatrogen geschädigt und auf eine Somatogenese fixiert werden, was eine erforderliche psychotherapeutische Behandlung in der Folge wesentlich erschwert.

Behandlungsmäßig wurde und wird aus der Sicht der Allgemeinärzte das Thema "chronischer Schmerz", bzw. Somatisierung entweder als eine Sache der Spezialisten angesehen oder auch als zu komplex wahrgenommen, was dazu führte, dass die eigene hausärztliche Aufgabenstellung unklar blieb (Sohn, 2000).Die Erkrankung ist beim chronischen Schmerz häufig multidimensional. Das birgt die Gefahr in sich, dass sich ein einzelner Behandler (z. B. der Hausarzt) überfordert sieht. Tatsächlich aber kommt dem Hausarzt die entscheidende Rolle in der Prävention einer Chronifizierung zu. Der Hausarzt ist entsprechend seiner Koordinierungsfunktion entweder derjenige, der selbst eine rechtzeitige Schmerztherapie einleitet, oder aber auch seine Verantwortung mit spezialisierten Schmerzzentren teilt. Auch dürfte er in der Lage sein, nach Teilnahme an einer Fortbildung in Psychosomatischer Grundversorgung und an einer Balintgruppe, eine qualifizierte psychosomatische Anamnese zu erstellen und seinen Patienten - wenn erforderlich - zur angemessenen psychotherapeutischen Behandlung zu motivieren und zuzuführen. Die Verhinderung der Schmerzchronifizierung gehört zu den wesentlichen hausärztlichen Aufgaben. Hierfür scheint er in besonderer Weise geeignet, da er frühzeitig drohende Auswirkungen auf das soziale Umfeld und die berufliche Situation seines Patienten überblicken kann.

Neben der bisher üblichen psychologischen Schmerztherapie, die auf Lenkung von Aufmerksamkeit und Wahrnehmung beruht, neben der bewährten progressiven Muskelrelaxation, neben dem Schmerzprogramm für Rückenschmerzen nach Basler  (1998) und neben körperorientierten Psychotherapien wie der Konzentrativen Bewegungstherapie wird hier über einen weiteren neuen Ansatz in der psychologischen Schmerzbehandlung - die Schmerzbehandlung mit der Creativ-dynamischen Bildsynthese (CDB) berichtet.

Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe (Basler, Konder, Obenaus) hat es sich zum Ziel gesetzt, chronische Kopf- und Rückenschmerzen mit dem neuen psychotherapeutischen Kurztherapie-Verfahren CDB zu behandeln und das Ergebnis zu evaluieren. Es handelt sich bei Creativ-dynamischen Bildsynthese (CDB) um eine Methode, die von Obenaus aus dem Katathymen Bilderleben und dem Neurolinguistischen Programmieren entwickelt wurde. Das Prinzip besteht darin, dass der Patient unter Anleitung ein neues Selbstkonzept im Bild entwickelt und dass er dann das Bild des neuen Selbstkonzeptes wie ein täglich einzunehmendes Medikament autosuggestiv anwendet. Ergebnisse einer Pilotstudie an der Schmerzklinik in Hagen/Westfalen sind ermutigend, was die Verminderung von Schmerz und damit die Verbesserung der Lebensqualität angeht.


Literatur:

Basler MD, Kröner-Herwig B (Hrsg.). (1998) Psychologische Therapie bei Kopf- und Rückenschmerzen. 2., akt Aufl., Quintessenz

 

Fischbain DH, Cutler R, RosomoffHL, Roomoff RS (1997) Chronic pain-associated depression: antecedent or consequence of chronic pain? A review. Clin J Pain 13: 116-137

 

Küchenhoff J (1997) Zur Psychodynarnik und Psychotherapie von somatoformen Störungen. In:

 

Rudolf G, Henningsen P (Hrsg.): Somatoforme Störungen. Schattauer, Stutgart-New York

 

Lamprecht F (1996) Die ökonomischen Folgen von Fehlbehandlungen psychosomatischer und somatopsychischer Erkrankungen. PPmP; 46: 283-291

 

Nayal W, Obenaus K, Klotz T, Engelmann U (1999) Impotenzheilung unter Verwendung divergierender Selbstkonzepte. Der Urologe, Suppl. 1, 38:58

 

Obenaus K, Sommer F (2000)  Schnelle Hilfe bei psychogener ED. Urologische Nachrichten, 2/2000

 

Obenaus K (2001) Mentale Selbstbehandlung des chronischen Schmerzes mit neuem Selbstkonzept. Der Schmerz, Bd 15, 2001, Suppl. 1; S. 97

Obenaus K. (2006): Schmerztherapie mit neuen Selbstbildern, Reinhardt, München

 

Rief W, Hiller W, Geissner E, Fichter M. A  (1995)Two-Year Follow-Up Study of Patients With Somatoform Disorders. Psychosomatics ; 36: 376-86

 

Smith GR (1994). The Course of somatisation and its effects on utilization ofhealth care resources. Psychosomatics 35, 263-267

 

Sohn, W (2000) ,,Hausärztliche Schmerztherapie: Patienten als Ganzes kennen lernen" Journal Med. 2/2000

 

Sommer F, Obenaus K, Engelmann U (2001) Creative-dynamic image synthesis: a usefull addition to the treatment options for impotence.  International Journal of Impotence Research (2001) 13, 268-275


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